Atypische Weidemyopathie

Um was für eine Erkrankung handelt es sich?

Die atypische Weidemyopathie ist eine Muskelerkrankung der Pferde, die sporadisch auftritt und ausschließlich Weidepferde betrifft. Auslöser scheinen besondere klimatische Bedingungen zu sein, da alle bisher bekannt gewordenen Fälle nach plötzlichen Kälteeinbrüchen im Herbst oder Winter aufgetreten sind. Die Erkrankung wurde in Deutschland erstmals im Herbst 1995 festgestellt. Auffällig war das gehäufte Auftreten im norddeutschen Raum. Die Erkrankung ist nicht von Pferd zu Pferd übertragbar. Sie hat also keinen seuchenhaften Charakter.

Wie kann die Erkrankung erkannt werden?

Es können Pferde jeden Alters und jeder Rasse betroffen sein, allerdings nur, wenn sie im Herbst/Winter auf der Weide gehalten werden. Die Erkrankung tritt plötzlich auf und zeigt einen raschen Verlauf. Die Sterblichkeit ist hoch (90 – 95 %). Plötzliche Schweißausbrüche, Steifheit, Muskelzittern, schwankender Gang und der Absatz von dunkel verfärbtem Harn sind charakteristische Anzeichen. Die Pferde wirken matt oder apathisch und haben erhöhte Puls- und Atemfrequenzen. Innerhalb von ein bis drei Tagen kommen die Tiere zum Festliegen und zeigen möglicherweise Streckkrämpfe und Ruderbewegungen, die mit einer Kolik verwechselt werden können. Der Tierarzt stellt die Diagnose aufgrund des klinischen Bildes und einer Blutuntersuchung.

Was ist die Ursache?

Das Auftreten der Erkrankung nach einem Kälteeinbruch ist allen bisher beschriebenen Fällen gemeinsam. Ein Toxin (giftige Substanz), welches durch Kälte in Pflanzen oder dort angesiedelten Mikroorganismen produziert oder freigesetzt wird, konnte lange Zeit nicht nachgewiesen werden. Nach neusten amerikanischen Studien wird das Auftreten der Erkrankung mit den Samen der Bäume des Eschenahorns in Verbindung gebracht. Diese Samen enthalten die toxische Aminosäure „Hypoglycin A“. Ein einzelner Baum produziert bis zu 500 000 Samen pro Saison. Die Aufnahme von 165 bis 8000 Samen kann pro Pferd kann ausreichen, um eine Vergiftung zu erzeugen. Der Eschenahorn ist seit über 300 Jahren auch in Europa heimisch. Das giftige „Hypoglycin A“ kommt aber auch in der häufigsten europäischen Art, dem Bergahorn, vor. Beim Feldahorn und Spitzahorn ist dies noch unklar, scheint aber unwahrscheinlich.

Wie kann die Erkrankung behandelt werden?

Da die Ursache der Erkrankung nicht bekannt ist, können nur die Symptome behandelt werden. Dabei stehen Maßnahmen zur Verbesserung der Durchblutung der Muskulatur, Verabreichung von entzündungshemmenden Medikamenten und die Unterstützung der Nierenfunktion im Vordergrund. Erkrankte Pferde sollten – wenn möglich – an einen warmen, trockenen Ort verbracht werden. Längere Transporte sind jedoch zu vermeiden. Eine Heilung ist nur in vereinzelten Fällen möglich.

Was kann vorbeugend getan werden?

  • Nächtliches Verbringen der Pferde in den Stall.
  • Weidepferden sollte im Herbst/Winter ausreichend trockenes Heu zugefüttert werden (überdachte Futterraufe).
  • Weidepferde sollten trockene Unterstände zur Verfügung haben.
  • Achten Sie auf hygienisch einwandfreies Tränkewasser.
  • Weidehygiene: Kontrolle u. Beseitigung von Schädlingspflanzen.
  • Weiden, auf denen Pferde erkrankten, sollten langfristig gesperrt werden.
  • Zufütterung eines guten vitaminisierten Mineralfutters (insbesondere Vit. E / Selen).

Quellen:

Brandt,K. et al. : Atypische Myoglobinurie der Weidepferde.
Pferdeheilkunde 13, 27 – 34 (1997).

Gehlen,H. et al.: Zur aktuellen Problematik der atypischen
Weidemyopathie des Pferdes.
Der Praktische Tierarzt 86, 178 – 183 (2005).

Votion,D.M. et al.: Atypical Myopathy. www.ivis.org (2006).

Valberg,S.J. et al. : Seasonal pasture myopathy/atypical myopathy in
North America associated with ingestion of hypo-
glycin A within seeds of the box elder tree.
Equine Vet. J. (2012)

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